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Gas-Pipelines: Vorteil Deutschland, Nachteil Ukraine?

23.07.2015

Foto Die Gas-Pipeline Nord Stream wird ausgebaut.West-Gas für die Ukraine – das galt im Lieferstreit mit Russland als strategische Chance für Kiew. Nun kommt ein Pipeline-Ausbau, der das zerrissene Land links liegen lässt. Nord Stream und Turkish Stream heißen die beiden Großprojekte. Sie sollen Europas Gasversorgung auf Jahre hin sicherstellen. Vor allem Deutschland dürfte profitieren.

Berlin/Kiew – Russland droht die Ukraine komplett von Erdgas aus dem Osten abzuschneiden – in Deutschland wird die Versorgung dank milliardenschwerer neuer Pipeline-Projekte dagegen wohl stabiler.

Deutschland profitiert von Nord Stream

Als der Kreml-gesteuerte Staatsmonopolist Gazprom Mitte Juni beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg verkündete, die Ostsee-Leitung Nord Stream mit westlichen Partnern um zwei weitere Rohre auszubauen, war nicht nur in Kiew die Verwunderung groß. In der hohen Politik mögen sich Russland und der Westen weiter mit Sanktionen überziehen; gemeinsame Energie-Interessen scheinen davon wenig berührt zu sein.

Auch deutsche Konzerne gehören zu den Profiteuren des Pipeline-Deals – und ebenso die Bundesrepublik insgesamt, wie etwa Eon erklärt: „Nord Stream kann mit seiner Erweiterung einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit Deutschlands und der EU leisten.“

Energiekonzerne helfen mit

Dies lässt sich mitunter als Seitenhieb auf die notorisch instabilen Transitwege durch die Ukraine auslegen – wenngleich die Düsseldorfer sich beeilen zu betonen, man folge „keinen politischen Überlegungen“. Der britisch-niederländische Rohstoffriese Shell und der Ölkonzern OMV aus Österreich beteiligen sich ebenfalls an den Plänen.

Deutschlands größter Gasförderer Wintershall führt Gespräche, man habe jedoch „noch nicht entschieden“. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft lobt: „Grundsätzlich sind neue Transitleitungen Richtung Europa positiv für den europäischen Gasmarkt.“

Hoher Bedarf an Erdgas

Wie auch immer die restlichen Verhandlungen ausgehen: Die Verbraucher sollen auf eine zuverlässigere Belieferung bauen können. 2014 kamen hierzulande 38 Prozent der Gasimporte aus Russland. Zwar waren die 51 Speicher in Deutschland Mitte Juli gut zur Hälfte gefüllt, die Bundesrepublik hat EU-weit die größten Kapazitäten. Weil aber die heimische Gasgewinnung sinkt, bleibt der Bedarf an Einfuhren hoch.

„Die Fördermenge nahm um 5,8 Prozent auf 10,1 Milliarden Kubikmeter ab“, berichtete das Geozentrum Hannover über 2014. Zudem gingen die Reserven zurück, und die Niederlande – zweitgrößter Produzent Europas nach Norwegen – drosseln ihre Förderung nach einigen Mini-Erdbeben.

Dabei brauchen die Europäer insgesamt wohl noch mehr Erdgas, solange die erneuerbaren Energien nicht die Grundlast in der Stromproduktion tragen können und das umstrittene Fracking-Verfahren – Treiber der Schiefergas-Revolution in den USA – sich hier nicht durchsetzen kann. Experten der Deutschen Bank sehen das Vorhaben einer EU-Energieunion auch deshalb vor allem im Lichte „großer Sorgen um mögliche Gas-Lieferunterbrechungen infolge des Ukraine-Russland-Konflikts“.

Ukraine in schwieriger Lage

Aus der Perspektive Kiews werden die Karten mit den Pipeline-Plänen neu gemischt. Zumal ein weiteres Großprojekt hinzukommt: Im Süden soll die ausgebaute Leitung Turkish Stream durch das Schwarze Meer, die Türkei und Griechenland zur zweiten Gas-Lebensader Westeuropas werden. Spätestens nach dem Auslaufen der Lieferverträge mit Russland 2020 könnte die Ukraine dann vom großen Nachbarn abgenabelt sein.

Die Charmeoffensive Moskaus an die Westkonzerne betrachtet das Land daher mit Argwohn. Seit Anfang Juli kauft man kein Gas mehr von Russland, sondern leitet nur noch die vom Westen bestellten Mengen weiter. Dabei hält sich nicht nur in Moskau der Dauerverdacht, dass immer wieder illegal abgezapft wird – die Ukraine bestreitet das.

Gasimport aus der EU

Gleichzeitig sollen die Europäer aushelfen. Gazprom kritisiert, dass ein Teil des Gases wieder rückwärts gepumpt wird. Solche „umgekehrten Flüsse“ seien ein Vertragsbruch. So kaufe die Ukraine etwa über den Umweg von der Slowakei Gas preiswerter ein als von Russland direkt. Zugleich benötigt das Land immer weniger Energie – wegen des Kriegs und der Wirtschaftskrise, die ganze Industriezweige zerstört haben.

2014 hatte sich der Gas-Importbedarf mehr als halbiert, knapp 74 Prozent kamen aber weiter aus Russland. Den Trennungskurs von Moskau gibt die prowestliche Führung um Präsident Petro Poroschenko vor: „In zwei Jahren werden wir das russische Gas nicht mehr brauchen.“

Im Vorjahr kam das Gros der westlichen Lieferungen noch von RWE, Eon, der französischen GDF und der norwegischen Statoil. 2014 brachte der ukrainische Staatskonzern Naftogaz dann noch die britische Noble Clean Fuels und die amerikanische TrailStone ins Spiel, die Berichten zufolge ihr Gas sogar teurer als Gazprom an Kiew verkaufen.

Russland braucht die Europäer

Die Ukrainer wollen wegen des politischen Zerwürfnisses mit Russland einfach nicht mehr beim rohstoffreichen Nachbarn einkaufen. Rainer Wiek vom Energie-Informationsdienst in Hamburg glaubt denn auch nicht, dass Kiew vom West-Gas abgeschnitten wird. Aber: „Russland hat ein vitales Interesse daran, mit dem Westen im Geschäft zu bleiben.“

Text: dpa/pvg
Bild: dpa

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