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Preiskontrolle an Energiemärkten: Endlich Schluss mit Betrügereien?

26.08.2015

Bei Deals mit Gas und Strom setzen Händler Milliarden um. Ob dabei alles mit rechten Dingen zugeht, wird künftig schärfer kontrolliert: Ab Oktober müssen die Geschäfte gemeldet werden, Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt haben eine Preiskontrollstelle eröffnet. Kann sie Manipulationen an den Energiemärkten aufdecken? Und welche neuen Kosten ruft sie hervor?

Bonn – Deutschlands Energiehändler drehen das ganz große Rad: 375 Milliarden Euro setzen Konzerne, Stadtwerke und Industriekunden nach Schätzungen der Bundesnetzagentur im Jahr mit Strom- und Gas-Großhandelsgeschäften um. Die komplizierten Deals laufen oft über Jahre im Voraus und sind für Laien kaum verständlich. Strom wird vielfach zehn bis 15 Mal gekauft und weiterverkauft, bis er endlich beim Verbraucher ankommt. Der Großteil der Abschlüsse läuft dabei nicht über die Strombörse in Leipzig, sondern in direkten und natürlich geheimen Einzelverträgen zwischen Anbieter und Großkunde.

In diese Geschäfte will die Bundesnetzagentur zusammen mit dem Bundeskartellamt mehr Licht bringen: Ab dem 7. Oktober müssen alle Kontrakte – zunächst die an der Börse, sechs Monate später auch die Direktgeschäfte – nach einem streng reglementierten Verfahren europaweit an die Energieregulierungs-Agentur ACER in Ljubljana (Slowenien) gemeldet werde. Bundesnetzagentur und Bundeskartellamt haben in Bonn eine Stelle mit zunächst 15 Mitarbeitern eingerichtet, die die Daten für Deutschland auswertet und auf Marktmanipulationen untersucht.

Manipulationen in Deutschland bislang unbekannt

Betrugsskandale sind im deutschen Energiegroßhandel bisher nicht bekanntgeworden – aber immer wieder gibt es Gerüchte über mögliche Preismanipulationen. In den USA erschlich sich ein Energieunternehmen in einem später aufgedeckten Fall an einem einzigen Handelstag mit solchen Manipulationen rund 80 Millionen Dollar. „Es liegt nah zu vermuten, dass so etwas auch in deutschen Energiehandel möglich sein könnte“, sagt der Leiter der Markttransparenzstelle bei der Bundesnetzagentur, Thomas Müller.

Manipulationsmöglichkeiten bestehen laut Müller immer dann, wenn Unternehmen Marktveränderungen – etwa den bevorstehenden Ausfall eines großen Kraftwerkes oder eines Gasspeichers – eher erfahren als die Konkurrenz. Mit dem frühzeitigen Kauf von Lieferkontrakten genau für die Zeit des Mangels lassen sich dann leicht Millionen verdienen. Theoretisch möglich wäre sogar, dass große Konzerne mit zahlreichen eigenen Kraftwerken Versorgungsengpässe bewusst herbeiführen, gleichzeitig mit ihren Tradingabteilungen darauf spekulieren und viele Millionen einstreichen.

RWE glaubt nicht an Manipulationen

Der Anbieter RWE, Deutschlands größter Stromproduzent, hält solche Manipulationen aber wegen der schon bestehenden Markttransparenz für unmöglich. Bereits jetzt werden die Handelsdaten an der Strombörse EEX veröffentlicht. RWE verbreite außerdem die Produktionsdaten jedes einzelnen Kraftwerkes halbstündlich aktualisiert im Internet. Eine Drosselung oder Abschaltung einer einzelnen Anlage würde dabei sofort auffallen, sagt eine Unternehmenssprecherin. „Die Transparenz in der Erzeugung ist schon da.“

Doch es sind noch raffiniertere Manipulationen denkbar, sagt Müller. So richten sich die meisten Geschäften nach Referenzpreisen. Der bekannteste Strompreisindex Phelix (Physical Electricity Index) wird dabei als Durchschnittspreis eines ganzen Tages ermittelt und lässt sich nur schwer beeinflussen. Andere Referenzpreise kleinerer Geschäftsfelder werden dagegen in 15-Minuten-Zeitfenstern bestimmt. Wenn Händler in genau diesem Zeitfenster größere Mengen kaufen, können sie den Index hochtreiben und damit dann bei Folgegeschäften abkassieren – Eingriffe vergleichbar mit dem Libor-Zinsskandal am Finanzmarkt.

Größere Finanzlast für Versorger?

Deswegen werten die Bonner künftig von jedem der Millionen deutschen Energiedeals im Jahr Preis, Zeitpunkt, Marktumfeld und Lage im Netz aus. „Wir fragen uns auch: Wer wusste was über dieses Geschäft“, sagt Müller. Das gelte auch für die Direktverträge, die zwar nicht komplett, aber mit vielen Details offengelegt werden müssten. 2.000 bis 3.000 Marktteilnehmer müssten sich für die Meldungen registrieren, rund 650 Unternehmen seien bereits angemeldet, sagt Müller.

Für die Energiebranche bringt das weitere Belastungen. Allein die RWE-Handelstochter Supply and Trading rechnet mit 400.000 Geschäften, die pro Jahr gemeldet werden müssen. Mehrere Millionen Euro seien für die nötigen Rechner erforderlich sowie zwei Vollzeitstellen für die Meldungen. Dennoch unterstütze RWE die Einrichtung ausdrücklich, weil sie noch mehr Transparenz bringe, sagte der zuständige RWE-Abteilungsleiter Karl-Peter Horstmann. Als großes Handelshaus werde RWE auch Kunden bei der Umsetzung der Meldepflichten helfen.

Neue Kostenlawine für Kunden?

Die strengen Vorgaben für die umfangreichen Meldungen seien vor allem für manche kleinere Stadtwerke eine Belastung, hieß es vom Stadtwerkeverband VKU. Die Kosten werden am Ende wohl bei den Strom- und Gaskunden landen, vermutet NRW-Verbraucherschützer Udo Sieverding. Dennoch hält auch er die neue Preiskontrolle für sinnvoll. Falls Marktteilnehmer betrügen, koste das den Verbraucher nämlich viel mehr Geld. „Die neue Einrichtung wird hier sicher abschreckende Wirkung haben.“

Text: dpa/pvg

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